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Start Heft Nr. 03-2011 Das Social-Media-Phantom

Das Social-Media-Phantom

Wie man von der Angst vor Social Media profitieren kann

             angst social media

Auch wenn der Ruf von Online-Bewertungsportalen regelmäßig unter angeblich gefälschten Berichten zu leiden hat, können die meisten Portale doch als grundsätzlich seriös gelten. Die Internetnutzer finden hier tausende, verlässliche Erfahrungsberichte anderer User und nicht wenige Unternehmen mussten bereits mit den Folgen negativer Bewertungen im Social Web kämpfen. Diesen Umstand machen sich jetzt, mitten im Social-Media-Boom, auch erste fragwürdige Anbieter zunutze. Eine Spurensuche führt zu einem angeblichen Luxusdesigner.

Die Community ist riesig. Sie ist mächtig. Und sie ist erbarmungslos. Jedes Unternehmen und jedes Produkt, das ihren hohen Ansprüchen an Qualität und Service nicht genügt, wird knallhart abgestraft. Ryanair? Der fliegende Gefangenentransport aus Irland. A.T.U.? Amateurhaft. Teuer. Unfreundlich. American Express? Ein Kreditkartenportfolio aus der Steinzeit. Dacia? Hässlichen Ostblock-Gurken. Diese und viele andere Unternehmen werden von den registrierten Nutzern rigoros boykottiert. So zumindest das Bild, welches das Portal KONK (» konk.tv) von sich selbst zeichnet.

KONK steht dabei für »Kaufen Oder Nicht Kaufen« und ist nach eigener Darstellung das führende deutsche Bewertungsportal für Lifestyle-Produkte mit über 200.000 registrierten Nutzern. Die Eigendarstellung des Portals als selbstbewusst zu beschreiben, wäre wohl stark untertrieben. Superlative lauern in fast jedem Satz, mit Rechtschreibung und Zeichensetzung nimmt man es da schon mal nicht so ganz genau: »Ganz gleich, welchen Schein man nach Außen trägt, wer den Kunden nicht ins Zentrum stellt, wird von KONK ins Abseits gestellt.«

Dieses Abseits sind bei KONK die »Nicht Kaufen Charts«. Dort finden sich aktuell 31 Unternehmen von Bionade über H&M bis Starbucks, die von KONK mit hämischen Kommentaren bedacht werden. Auf dem Gegenstück, den »Kaufen Charts« stehen 24 Unternehmen, von bekannten Firmen wie Sennheiser bis hin zu zahlreichen kleineren Online Shops. Die Kriterien für das Zustandekommen der Charts sind jedoch vollkommen unklar. KONK selber spricht wolkig von so etwas wie »Lifestyle-Aspekten«, dem Auslösen eines »wertvollen Lebensgefühls«, sowie einer »glaubwürdigen Markenaura«, auf deren Grundlage die Entscheidung der User getroffen werde. Was sich dahinter verbergen soll, bleibt jedoch genauso undurchsichtig wie die tatsächlichen Abstimmungsergebnisse. Zahlen, Diagramme oder andere Angaben sucht der Nutzer auf der Website vergebens. Laut KONK ist jedoch eines sicher: »Ob ein Unternehmen oder Produkt aus den verschiedenen Lifestyle-Kategorien es in die Charts schafft und gekauft oder boykottiert wird, wird ausschließlich durch die Endverbraucher entschieden.«

Vieles deutet jedoch darauf hin, dass dem nicht so ist. Dem Social Media Magazin liegt ein Email-Verkehr von KONK mit einem größeren Unternehmen vor. Hierin gratuliert ein Tim Krüger, angeblich »Leiter Unternehmenskommunikation Deutschland«, zunächst freundlich dazu, dass das angesprochene Unternehmen von der Community für die Kaufen-Charts vorgeschlagen wurde und bietet eine Kooperation an: Im Paket »Gold« wird das Unternehmen für nur 2.750 Euro in den Kaufen-Charts gelistet, im News-Ticker erwähnt, darf über den Twitter-Account von KONK werben und Produkte in der Community verlosen. Im Paket »Platinum« kommen hierzu noch eine Integration in den Newsletter, eine Pressemitteilung, sowie die Erlaubnis, das Lifestyle-Award-Siegel von KONK tragen zu dürfen. Kostenpunkt hierfür: nur 4.950 Euro. Einige Tage später wird dann der Druck erhöht und die wahre Natur des Angebots wird deutlich. Man müsse sich sofort entscheiden, denn die Community erwarte nun eine Antwort »ohne Wenn & Aber«. Auf welcher Liste man auftauche, sei jedoch noch nicht sicher. Vielmehr könnte KONK nach Sichtung der Emails und nach Rücksprache mit der Community auch noch zum Boykott aufrufen. Nachdem das Unternehmen darauf hinwies, dass man dies für eine gekaufte Kundenmeinung und letztendlich für eine Drohung halte, verliert Tim Krüger vollends die Fassung. In einer letzten Email wütet er, dass nun tausende Nutzer und viele Journalisten reagieren werden und hunderte Anti-Blogs entstehen dürften. Ein »eiskalter Wind« werde dem Unternehmen ins Gesicht wehen. Wenn die User es aufgrund »unerträglicher Arroganz« in die Nicht-Kaufen-Charts wählen, habe man das schlichtweg zu akzeptieren.

Wählt man die Handy-Nummer von Tim Krüger, die er in seinen Emails angibt, meldet sich ein Mann mit starkem norddeutschem Zungenschlag. Sehr beschäftigt ist er, für ein Interview hat er gerade leider gar keine Zeit, Pressetermine und anderes, aber ein Interview in der nächsten Woche wäre »grandios«. Überhaupt laufe alles nach Plan, Features mit diversen Fernsehsendern stünden kurz bevor. Er wirkt nervös. Dass das Social Media Magazin seine Nummer kennt, scheint ihn stark zu irritieren. Woher man die denn habe, möchte er noch wissen. Die stehe ja eigentlich nirgendwo. Anstatt wie besprochen einen Termin zu vereinbaren, zieht er sich jedoch zurück. Frau Förster, die Pressesprecherin von KONK werde sich melden, schreibt er noch. Doch es passiert nichts. Unter seiner Handy-Nummer gibt es seitdem nicht einmal mehr ein Freizeichen. Der telefonische Kontakt hat ihn womöglich überrascht. Erst nach einer weiteren Bitte um Stellungnahme zu den konkreten Vorwürfen meldet er sich noch einmal mit zwei Emails. Sie ähneln allerdings eher wirren Pamphleten, in denen er von Gefälligkeitsjournalismus spricht, mit dem Presserat droht und auf korrupte PR-Berater und Journalisten schimpft. Die Bitte um Stellungnahme bleibt unbeantwortet.

Immer mehr drängt sich die Frage auf, ob hier Unternehmen durch hohen Druck sowie die Drohkulisse einer mächtigen Community zum Buchen eines vermutlich wertlosen Werbepakets gebracht werden sollen. Ob die Community überhaupt existiert, ist ebenfalls äußerst fraglich. Füllt man das Anmeldeformular auf der Website aus und klickt auf »Absenden«, landet man umgehend wieder auf der Startseite. Auf eine Bestätigungs-Email wartet man vergebens. Noch nicht einmal einen Login-Button gibt es für die angeblich über 200.000 registrierten Mitglieder.

Wer steckt also hinter KONK?
Das Impressum der Website gibt als Sitz des Unternehmens den »Eastgate Business Park« in Cork an. Eine Anfrage bei den Verwaltern dieses Gewerbegebiets in Irland sorgt für Aufklärung: Sie haben von ihren angeblichen Mietern noch nie etwas gehört. Das auf der KONK-Website publizierte Bild eines Bürogebäudes stammt womöglich aus einer Bildagentur. In den zahlreichen Online-Pressemeldungen von KONK auf diversen News-Portalen wird als Sitz wahlweise ebenfalls Irland oder eine Adresse in Wien angegeben. Unter der österreichischen Telefonnummer von Julia Förster, angeblich auch Marketing-Managerin bei KONK, ist dauerhaft besetzt.

Die Suche
Laut KONK-Impressum gibt es aber noch eine Mutterfirma, die laut Registrierungsstelle auch offizieller Inhaber der KONK-Domain ist: Die »Leon Verres Luxury Group«, kurz LVLG. Diese erscheint jedoch nicht weniger mysteriös als ihr Ableger. Laut der eigenen Website handelt es sich bei LVLG um ein weltweites Luxusgüter-Imperium mit 30 selbstständigen Firmen und fast 7 Millionen registrierten Kunden. Als Sitz von LVLG wird im Web wahlweise Dubai oder Seattle angegeben. Hinzu kommen Niederlassungen in New York, Berlin, London, Tokio, Monte Carlo, Rom, Moskau und Beverly Hills. In anderen Meldungen ist sowohl von Italien als auch von Neuseeland als Stammsitz die Rede. Die Domain der Website wurde über den türkischen Hoster Alantron von einem gewissen Linh Wang aus Hong Kong registriert.
Sowohl die zahlreich im Netz vorhandenen Pressemeldungen als auch die eigene Website strotzen vor Übertreibungen, die in ihrem Stil stark an KONK und die Emails von Tim Krüger erinnern. Zudem kursieren im Netz ausgedacht klingende Namen von Ansprechpartnern wie Alexander Shapiro, Jonathan Fairbanks, Sebastian Lasalle oder Francis McDermott. Zu erreichen ist unter den zahlreich angegeben Telefonnummern und Email-Adressen niemand.

Lediglich das Gesicht von Leon Verres taucht immer wieder auf. Zahlreiche Fotos im Web zeigen ihn auf Parties und bei Promo-Terminen, teilweise mit Prominenten. Kleinere Internet-Aufmerksamkeit erregte er in der Vergangenheit lediglich mit dem Vertrieb des angeblich teuersten Champagners der Welt: Eine eher wenig geschmackvoll gestaltete Riesenflasche, dekoriert mit hunderten Diamanten und einer russischen Pelzmütze zum Preis von 2,75 Millionen Dollar.

Offenbar blieben die Absatzzahlen allerdings äußerst überschaubar. Zumindest versuchte es Leon Verres ein Jahr darauf mit dem Verkauf eines T-Shirts, auf dem er die legendäre Chefredakteurin der amerikanischen Modezeitschrift Vogue, Anna Wintour, beschimpfte. Unter mehreren Online-Artikeln fanden sich damals begeisterte Kommentare, die rückblickend in ihrem Stil ebenfalls an die heutigen Meldungen von KONK erinnern und zahlreiche User dazu veranlassten, sowohl die Kommentare als auch Leon Verres selbst als »fake« zu bezeichnen. Auf die Anfrage des Social Media Magazins, ob er der Mann hinter KONK sei, reagierte er zumindest auch nicht.

Wer ist Leon Verres?
Laut eigener Auskunft auf Facebook kommt er aus Rom, hat aber deutsche Wurzeln und lebt in Monte Carlo. In einer Pressemitteilung spricht er davon, Vorfahren aus Bremen zu haben. In einem mittlerweile über sieben Jahre alten Artikel im Netz wurde er allerdings konkreter und erklärte, er käme aus Delmenhorst, einer Kleinstadt vor den Toren Bremens. Und auch wenn er angeblich weltweit unterwegs ist, fanden die Parties und Termine, bei denen er sich zeigte, auffällig oft im Norden Deutschlands statt. Im Jahr 2000 startete in einem Bremer Parkhaus angeblich eine »Leon Verres World Tour« von Party- und Model-Events in 27 Ländern. Von weiteren Veranstaltungen dieser Reihe ist allerdings nichts bekannt. Gleiches gilt für die World Tour 2002 unter dem Motto »Back In Black«, die anscheinend in Hannover startete und bei der er unter anderem mit Rudolf Schenker von der Hannoveraner Band Scorpions fotografiert wurde. Bei der »Le Billionaire Champagne World Tour« Anfang 2010 war der Deutschland-Auftakt erneut in Hannover. »Bis in den frühen Morgenstunden pilgerten die Gäste, bewaffnet mit ihren Handys zu der, hinter eine Panzerglasscheibe thronenden, teuersten und exklusivsten Champagner-Flasche aller Zeiten, um sie ehrfurchtsvoll zu fotografieren«, dichtete die offizielle Pressemeldung, die er wahrscheinlich selbst schrieb. Zuletzt zeigte er sich 2010 beim Musik-Event »The Dome 55« in der TUI-Arena Hannover und bei der VIP-Party zum weitestgehend illegalen Autorennen »Gumball 3000« in Hamburg.
So bleibt der Verdacht, dass er sich eher auf Szene-Veranstaltungen der zweiten und dritten Reihe aufhält und dabei vor allem versucht, einen gewichtigen Eindruck zu hinterlassen … auch wenn er sich selbst wohl lieber als weltweit anerkannter Luxusdesigner sehen würde, der bereits angeblich eine Schuh-Kollektion für Britney Spears entworfen und die Ausstattung bei der Oscar-Verleihung verantwortet hat. Zum anderen veranstaltet er in unregelmäßigen Abständen eigene Events, die nach eigener Ansicht stets riesige Erfolge und dabei doch nur der Auftakt zu noch größerem sind.
Dennoch ist er in der wirklichen Mode-Szene weitgehend unbekannt. »Ich habe diesen Namen noch nie gehört«, sagt Mode-Expertin Julia Ruhs verwundert, die bereits für Dolce&Gabbana und Giorgio Armani tätig war.

Für die Steigerung seiner Bekanntheit setzt Leon Verres nicht zuletzt auf Social Media. Er hat ein persönliches Profil und eine Page auf Facebook, einen YouTube-Channel mit bunten Werbeclips, einen MySpace-Account und er ist auf Twitter aktiv. Obwohl er seit Mai 2010 nur 89 Tweets absetzte, followen ihm hier bereits mehr als 31.000 User. Er selber folgt auf Twitter jedoch auch knapp 31.000 Nutzern, was häufig auf den Einsatz automatisierter Bots hindeutet, die eine große Followerschaft aufbauen sollen. Zudem sind unter seinen Followern nicht wenige User mit Beschreibungen wie »FOLLOW ME & YOU GET FOLLOWED BACK«. Das Bild erinnert an KONK, deren Twitter-Kanal über 20.000 Follower hat, wofür man aber selber auch fast 19.000 Nutzern folgt. Ebenso ist die permanente Großschreibung aller Tweets bei beiden Kanälen identisch. Seit einiger Zeit ist jedoch es ruhig geworden um Leon Verres.
Seit längerem gibt es keine neuen Produkte mehr, die letzte News-Meldung auf seiner Website ist von 2010 und auch auf Twitter gibt es kaum noch ein Update.

Dafür umso mehr bei KONK, der Firma um Tim Krüger mit dem norddeutschem Akzent. Anscheinend hat er eine neue Spielwiese gefunden. Eine Community, die wohl zum Boykott bereit ist, wenn die Unternehmen unter Umständen nicht zahlen. Eine Community von angeblich 200.000 Menschen, die sich bislang nie zu Wort gemeldet hat. Nur Tim Krüger, der sich mit Nötigungen und Drohungen nicht zurückhält. Wahrscheinlich auch nur deswegen, weil der Name Tim Krüger erfunden ist. Wer weiß, vielleicht haben einige Unternehmen schon gezahlt. Aus Angst vor Social Media und der Community.

(jk)


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Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 25. November 2011 um 17:20 Uhr  

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