Generation Smartphone sorgt für Umbruch im Kommunikationsverhalten

von Jochen Doppelhammer
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Eine in Spanien veröffentlichte Statistik zeigt, dass in der Silvesternacht von 2010 auf 2011 insgesamt 25% weniger Neujahres-SMS versendet wurden als im Jahr davor. Insgesamt 51% der Befragten geben an, dass SMS weiterhin der primäre Kanal zur Übermittlung von Neujahresglückwünschen sei. Gleichzeitig stieg der Versand von MMS in Spanien im gleichen Jahr (2010) um 50%. Dies zeigt, dass die mobile Kommunikationslandschaft vielfältiger wird.
Bei zunehmender Abdeckung mit Mobiltelefonen ist schnell klar, dass ein Rückgang an Mobilgeräten der Grund für den enormen Rückgang von Neujahresglückwünschen nicht sein kann. Gleichzeitig sprechen Statistiken wie von Ofcom von einer Zunahme des Textverkehrs bei abnehmenden Telefonkonversationen. Nielsen nennt als Durchschnittszahlen für amerikanische Teenager zwischen 13 und 17 Jahren die Anzahl von 3.339 Nachrichten pro Monat sowie um 13% gesunkene Telefonanrufe. Das ergibt über 100 Textnachrichten pro Tag. Es ist somit interessant, mehr über die Ursachen dieser Tendenz und den Rückgang an Neujahrsglückwünschen per SMS um ein Viertel herauszufinden.
Smartphones kommen
Vodafone selbst gibt die Antwort auf die Frage und stellt eindeutig fest, dass Smartphones und die damit erleichterte Kommunikation über Social Networks wie Facebook den Hauptgrund für die Reduktion gesendeter SMS darstellen. In Spanien liegt die Abdeckung mit Smartphones in der Altersgruppe 15 bis 24 laut einer weiteren Nielsen-Statistik bereits bei 38%, was in nächster Zeit noch weiter steigen und zusätzlichen Einfluss auf das Nutzerverhalten haben wird.
Email ist zu langsam
Kommunikationsfetzen statt langer Konversation ist derzeit angesagt. Eine interessante Feststellung konnte Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook, machen, als er mit Teenagern sprach: »(…) für Jugendliche ist Email zu langsam, sie verwenden lieber SMS oder Facebook«. Zu beachten ist, dass hier nicht die Übertragungsgeschwindigkeit der Nachricht gemeint ist. Vielmehr verdeutlicht die Aussage, dass vor allem Digital Natives möglichst einfach und schnell per Nachricht kommunizieren möchten. Was eine Mail langsamer als die beschriebenen Dienste macht, sind Kleinigkeiten wie die Eingabe eines Betreffs, einer Begrüßung, Verabschiedung und vor allem der Stil. SMS, Facebook-Nachrichten, Tweets oder Instant Messages verzichten auf all das und stellen den Nutzer vor nahezu keinerlei Hürden. Nicht einmal die Emailadresse muss bekannt sein - der Nutzer findet den Adressaten unkompliziert und schnell im Telefonadressbuch oder der Freundesliste. Facebooks aktueller Nachrichtendienst enthält seit geraumer Zeit kein Betrefffeld mehr – das ist Zuckerbergs optimierte Antwort auf klassische Emaildienste wie GMX, Yahoo oder Hotmail.
Teenager texten
Fragt man amerikanische Teenager, was sie mit ihrem Mobiltelefon machen, lautet die Antwort laut der Nielsen-Studie meist gleich: Texting. Je nach Altersgruppe geben bis zu 77% den Versand von Textnachrichten als Hauptaktivität an. Interessant ist zu betrachten, dass mit zunehmendem Alter die Beliebtheit von Textnachrichten zuzunehmen scheint:

Handynutzung bei Teenagern: Hauptaktivität »SMS« Quelle: Nielsen
Frauen texten mehr
Die weiblichen Befragten texteten mit 80 empfangenen und gesendeten Nachrichten pro Tag dabei mehr als doppelt so viel wie die männliche Gruppe (30 SMS pro Tag). Eine durch Mashable bekannt gewordene Informationsgrafik fasst den Trend damit zusammen, dass Emails, Anrufe und selbst persönliche Konversationen als Hauptkanal gegenseitiger mobiler Kommunikation in der Altersgruppe 12 bis 17 abgelöst wurden. Männliche Erwachsene (18+) senden laut dieser Studie etwa 10 Kurznachrichten pro Tag, während es die männlichen Jugendlichen (14 bis 17 Jahre) auf den dreifachen Wert (30 SMS pro Tag) und Frauen sogar auf zehn Mal mehr Nachrichten pro Tag (100 SMS pro Tag) bringen.
Mobile Social Networking
Betrachtet man andere Studien wird ein weiterer Trend schnell klar: Mobile Social Networking. Die Verwendung von Social Networks auch von unterwegs hat mit zunehmender Verbreitung von Smartphones enorm an Popularität gewonnen. Eine Untersuchung von Flowtown zeigt, dass nahezu die Hälfte der vom Unternehmen untersuchten Personen ihr Smartphone dazu verwendet, Social Networks aufzusuchen. Weitere 34% gaben an, vom Mobiltelefon aus die Chatfunktion dieser Networks zu verwenden, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben. Weitere angegebene Aktivitäten sind das Kommentieren (35%), Veröffentlichen (29%) und Verschlagworten (28%) von Fotos.
Die Vision immer und überall mit dem eigenen Social Graph und der Welt verbunden zu sein ist greifbar geworden. Der englische Begriff »ubiquity«, welcher die möglich gewordene Omnipräsenz beschreibt, hat sich als neues Schlagwort im mobilen Sektor etabliert.
Mit zunehmender Verbreitung von Smartphones wird seit einiger Zeit auch deutlich, dass immer mehr Nutzer sich untereinander mit bereits aus dem Web bekannten Instant-Messa-ging-Diensten wie ICQ, Skype, Facebook Chat oder Google Talk statt den üblichen SMS austauschen, welche abgesehen von dem nötigen Datentarif kostenlos für den Benutzer sind.
Schneller & kürzer
Auch ohne diese Studien wird allein durch die Beobachtung des Kommunikationsverhaltens heutiger Jugendlicher im Vergleich zur älteren Generation deutlich, dass sich die Gewohnheiten klar im Umbruch befinden. Die mit den neuen Technologien aufgewachsene Generation, die sogenannten Digital Natives, bevorzugt schnelle und einfache Kommunikation. Auf längere Kommunikationsformen wie zum Beispiel ein Telefongespräch, wird vor allem für tiefere Konversationen, Notfälle oder emotional wichtige Erlebnisse zurückgegriffen. In allen anderen Bereichen setzt sich der Trend zu informellen Kommunikationsfetzen, teils asynchron, teils in Echtzeit, fort. In Twitter bringt @Garyvee das neue Kommunikationsverhalten in einem Satz treffend auf den Punkt: »The phone call is the new hand written letter«.
Ein Blick ins technologiefreundliche Japan, wo der Mobilsektor Jahre voraus ist, zeigt anhand der Daten der Ofcomstudie, dass Telefonanrufe mit abnehmendem Alter weniger und durch die Nutzung von Social Networks, Instant Messaging und vor allem Text- und Videomessaging verdrängt werden. In der Altersgruppe 16 bis 24 sinkt der Empfang und das Versenden von Emails dagegen rapide ab, was bestätigt, dass die neue Generation Emails nur noch teilweise als Hauptkommunikationsmittel verwendet.
Die Verbindung von Social Media mit dem Smartphone hat in Japan den Mobilfunkmarkt und die gewählten Kommunikationskanäle in sehr kurzer Zeit drastisch verändert und nimmt auch in Europa seit letztem Jahr sehr deutliche Züge an.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Smartphones den Trend verstärken werden, der durch Instant Messenger bereits online für einen Umbruch im Kommunikationsverhalten gesorgt hat. Neue mobile Kommunikationsapplikationen gewinnen stark an Popularität und werden ähnlichen Erfolg und Einfluss auf die Kommunikationslandschaft haben.
Mobile Applikationen und mobile Websites bereiten nun auch in Europa und Deutschland den Weg für eine ähnliche Entwicklung und geben neue Möglichkeiten. Social Media hält Einzug in den mobilen Bereich und lässt gesellschaftliche Interaktionen per Smartphone und Twitter, Blogs, Facebook oder Online Communities schnell und allgegenwärtig werden.
Über den Autor
Jochen Doppelhammer ist seit November 2010 Gründer und CEO von yuilop. Zuvor baute er seit 2006 als CEO und Mitglied des Vorstandes die spanische KPN zu einem der führenden virtuellen Mobilfunkanbieter des Landes aus. Doppelhammer war Gründer und Chief Commercial Officer für simyo Spanien. Als Unternehmer und Führungskraft bei Internet Startups, Mobilfunkbetreibern und Managementberatungen weist er mehr als 14 Jahre Erfahrung im Mobilfunk- und Onlinesektor auf.
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