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Start Heft Nr. 01-2011 Blogs sind egal

Blogs sind egal

Die Macht der Foren in Deutschland

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Zwei große Plattformen standen in Social Media lange Zeit im Vordergrund der Nutzer und somit auch im Fokus der Unternehmen: Blogs und Foren. Mittlerweile haben diesen Platz Facebook und Twitter eingenommen. Doch vor allem auf Foren tummeln sich neben vielen Hilfesuchenden und sporadischen Nutzern auch Meinungsmacher und Innovationsinitiatoren. Während in den USA Blogs eine hohe Reichweite und Akzeptanz verzeichnen, erfreuen sich in Deutschland vor allem Foren größerer Beliebtheit und sollten daher vordergründig beachtet werden.

Bei fast jeder Veröffentlichung im Web gibt es die Möglichkeit, einen Kommentar oder eine einschlägige Bewertung zu hinterlassen. Wer sich mitteilen möchte, kann das heute fast überall und zu jeder Zeit im Internet tun. Smartphones erfreuen sich in diesem Punkt großer Beliebtheit. Das Internet ist nicht mehr an den heimischen Computer gebunden, sondern ortsunabhängig verfügbar, gewissermaßen »2 go«. Doch die Wahl der Plattformen, auf die sich die Nutzer begeben, ist oft von der kulturellen Umgebung des jeweiligen Landes abhängig.

Vor einigen Jahren erörterten die Spiegel-Redakteure Markus Brauck, Frank Hornig und Isabell Hülsen eine interessante Besonderheit deutscher Blogger. Unter dem Titel »Die Beta-Blogger« kritisierten sie die deutsche Blogger-Kultur hinsichtlich vermeintlicher Polemik und Rechthaberei. Offenbar würden die Aussagen vieler Blogger von den Konsumenten als subjektiv und daher nicht unbedingt als ehrlich und richtig aufgefasst werden, ganz nach dem Motto: »Eine eigene Meinung hat schließlich jeder, warum sollte dann gerade dieser einzelne Blogger Recht haben?«. Darüber hinaus gäbe es im Gegensatz zum amerikanischen Markt hierzulande nur wenig bedeutende Blogger, die über eine erstzunehmende, polarisierende und beeinflussende Stellung verfügen, auch wenn dank gängiger Blog-Software und -Portale die technische Eintrittsbarriere für potenzielle Blogger nahezu verschwunden ist.

Gar keine Frage, auch in Deutschland existieren heute mehr Blogs denn je. Doch die Stellung der Blogger hat sich im Informationsmarkt gegenüber den Vorjahren kaum verändert. Viele große Unternehmen haben mittlerweile erkannt, dass Heavy-User nicht ignoriert werden dürfen. Sie versuchen zwar meist durch Bloggertreffen mehr über die Antriebsgründe und Meinungen von Alfa-Usern zu erfahren, doch eine Akzeptanz seitens der Netzgemeinschaft gegenüber den Bloggern wie in den USA bleibt in Deutschland bisweilen aus. Stattdessen wird der Begriff Blogger oft Synonym für Social-Media-Nutzer verwendet. Gerne bezeichnen Unternehmen Schlüsselnutzer in Foren als Blogger, obwohl deren Blogs meist keine Besuche verzeichnen oder sie gar kein Blog führen.

Google kann nicht alles

Google hält mit 90 Prozent Marktanteil im Suchmaschinenvergleich die unangefochtene Schirmherrschaft im Finden und Wiederfinden von Inhalten im Internet. Da die Wichtigkeit bzw. Relevanz einer Website heute quasi durch Google definiert wird, impliziert das Ergebnis einer Suchanfrage bei Google gleichzeitig auch die Relevanz der gefundenen Quellen. Vor allem Foren weisen insgesamt ein sehr hohes Ranking in den deutschsprachigen Trefferlisten auf. Dies lässt sich insbesondere daran erkennen, dass unter den ersten Google-Treffern zu beinahe jedem Suchbegriff zahlreiche Einträge aus Foren gefunden werden. Das Ranking von Blogs hingegen ist vergleichsweise marginal. Der Grund liegt in der sehr hohen Quantität von Foren im deutschen Sektor. In Deutschland sind ein Großteil aller Social-Media-Bei-träge auf Foren zurückzuführen. Selbst Social Networks wie Facebook oder Twitter können trotz ihrer hohen Popularität mit dieser Menge an Daten nicht mehr mithalten.

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Eine Suchabfrage bei Google gibt meist nur Foren als Treffer aus, da diese in Deutschland dominieren

Der Grund liegt darin, dass sich in Deutschland Foren bereits lange vor dem Social-Network-Boom etabliert und nahezu jeden Themenbereich abgedeckt haben. In einem Forum tummeln sich zudem oft mehr als 10.000 Mitglieder, die sich täglich über alle möglichen Inhalte austauschen. Ein mittelgroßes deutsches Forum kann bis zu 40.000 Beiträge im Monat erzeugen. Verschiedene Beobachtungen zeigen zudem, dass die meisten Blog- und Social-Network-Nutzer in Deutschland auch in Foren diskutieren. Unbeachtet bleibt in diesem Zusammenhang das Diskussionsnetzwerk Usenet. Alleine in dieser Plattform werden 775.000 Postings und 248 Terabyte an Diskussionsvolumen pro Monat erzeugt. Dabei gehört das Usenet nicht einmal zu den hochfrequentierten Diskussionsplattformen, wenn man die Menge der Foren im Web insgesamt betrachtet.

Technologie
Der Wunsch, Blog-Daten nach Keywords zu abonnieren, ist bereits entstanden, als Blogs vor einigen Jahren immer mehr an Bedeutung gewannen. Weltweit bieten fast alle Blogs den Interessenten daher an, deren Inhalte automatisch durch ein sogenanntes »Feed« zu beziehen. Über eine Schnittstelle, meist RSS, identifizieren Monitoring-Anbieter neue Inhalte auf Blogs sowie deren Aktualisierungen oft in Sekundenschnelle. Durch diese einfache und standardisierte Schnittstelle ist der Aufbau eines Blogmonitorings mit verhältnismäßig wenig Aufwand auf Anbieterseite verbunden. Diese Technologie setzt natürlich voraus, dass das Datenvolumen in Blogs grundsätzlich deutlich geringer ist, als in Foren.
Viele Social-Media-Agenturen behaupten oft, dass vor allem den Blogs mehr Beachtung geschenkt werden sollte und berücksichtigen diese in vielen Fällen vorwiegend oder sogar ausschließlich in ihrem Monitoring-Portfolio. Begründet wird diese Vorgehensweise damit, dass Blogs eine größere Streuwirkung haben. Da Blogs ein Hype-Thema sind, fällt das falsche Argument oft nicht auf. Diese Einstellung kann für den Auftragnehmer jedoch fatale Folgen haben.
Der Grund für dieses Missverständnis liegt oft darin, dass sich das Blog-Monitoring aus technischer Sicht aufgrund der geringen Datenmenge und dem Feed-Standard um ein vielfaches einfacher gestaltet als die Erfassung von Foren.

Die Erfassung und Überwachung von Foren stellt die Anbieter von Social Media Monitoring vor die größte Herausforderung. Inhalte von Foren können nur selten oder gar nicht über RSS oder andere Dienste abonniert bzw. bezogen werden. Suchmaschinen, wie auch Google, greifen nur in längeren Abständen bzw. gar nicht erst auf Inhalte von Foren zu. Das Auffinden eines aktuellen Beitrags in einem neuen Forum kann durch eine öffentliche Suchmaschine somit oft nicht gewährleistet werden. Desweiteren ist es aufgrund fehlender Standards, wie beispielsweise XML, auch öffentlichen Suchmaschinen nicht ohne weiteres möglich, den Beitrag strukturiert aus einem Forum in einer Datenbank abzulegen. Selbst Google ist somit nicht in der Lage, das Erstellungsdatum des Postings, den Autorennamen und den Textbeitrag voneinander zu trennen. Somit erscheinen alle diese Entitäten in der Google-Trefferliste als reiner Volltext. Abfragen nach bestimmten Kriterien wie Suche nach Stammusern, Eingrenzungen des Erstellungsdatums etc. sind daher nicht möglich. Dies erschwert den Bau einer strukturierten Datenbank, aus der jedoch betriebswirtschaftliche Kennzahlen generiert werden müssen, mit denen ein Unternehmen seine Entscheidungen begründen kann.
Zudem gibt es auf großen Foren keine Push-Dienste, da der Traffic des Foren-Providers ins Unermessliche steigen würde. Zwar ist ein Abonnement von neuen Beiträgen technisch möglich, der Forenbetreiber müsste jedoch mit einer sehr hohen Datenströmung rechnen. Es ist Gang und Gäbe, dass viele Internet-Provider die Installation von Forensoftware verbieten oder höheren Traffic extra berechnen, um extreme Datenmengen von vornherein zu verhindern.

Wie schwierig es ist, Foren-Plattformen zu betreiben, zeigt auch das fehlende Angebot von freien Foren-Portalen. Nahezu kein Anbieter stellt diese kostenlos im Internet zur Verfügung, während schier unzählige Blog-Plattformen wie Blogspot.com, myblogsite.com oder blog.com ihre Angebote kostenlos anbieten.
Für den Forenanbieter kann es also durchaus sehr teuer werden, wenn zu viele Nutzer Daten von ein und derselben Quelle beziehen. Würden alle Suchmaschinen ständig auf diese Foren-Inhalte zugreifen, wären die Grenzen der Server-Bandbreiten schnell erreicht und die Forum-Website wäre in regelmäßigen Abständen nicht abrufbar. Die ständigen Zugriffe vieler Suchmaschinen oder Abonnenten kommen einer Hackerattacke gleich. Nicht ohne Grund gehen daher größere Forenbetreiber dazu über, Suchmaschinen das Indexieren ihrer Foreninhalte zu verbieten, um große Datenübertragungen zu stoppen. So untersagt auch heise.de, eines der größten IT-Foren, Suchmaschinen das Indexieren seiner Foren-Inhalte mittels einer sogenannten Robots Exclusion.

Fazit
Für die Foren-Auswertung gibt es derzeit keine technischen Erleichterungen. Stattdessen muss der Monitoring-Dienstleister die jeweiligen Foren mit Hilfe von aufwendigen Systemen selbst auslesen, unter Berücksichtigung der Attribute in einer Datenbank verwalten und wiederauffindbar machen. Diese Technik verlangt neben einem entsprechenden Know-how auch einen deutlich höheren Aufwand.
Gerade im deutschsprachigen Umfeld ist es unumgänglich, Foren im Rahmen eines Social Media Monitoring auszuwerten. Dies bedeutet zwar für den Anbieter mehr Aufwand, liefert dem Unternehmen aber im Gegenzug die wirklich relevanten Daten.

Technische Barrieren hin oder her, Foren bilden zumindest noch in Deutschland die größte Quelle für Konsumentenmeinungen. In Deutschland wird die Anzahl der Foren auf über  100.000 geschätzt. Zu jedem Thema oder jeder Branche gibt es jeweils mindestens 300-900 spezialisierte Foren. Wer dagegen das Augenmerk nur auf Blogs setzt, erreicht weniger als 4% des Diskussionsvolumens im Web. Die schönsten Charts und Kennzahlen helfen wenig, wenn die Datenquelle Foren letztlich nur teilweise oder gar nicht bereithält.

(fh)

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Kommentare 

 
#1 Jürgen B. 2011-07-03 13:20
Danke für diesen Text. Endlich schreibt jemand Klartext, was jedem längst bekannt sein müsste. Trotzdem ist es erschreckend, wie wenige Firmen mit Foren und der großen Userzahl umgehen können.
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