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Start Heft Nr. 01-2011 Geocaching

Geocaching

Die Schatzsucher aus dem Web

geocaching

Mit der Landkarte durch den Wald streifen, Bäume und Felsen genau unter die Lupe nehmen und Hinweisen nachjagen. Und am Ende hoffentlich einen Schatz bergen. Das klingt, zugegeben, nach einem munteren Kindergeburtstag mit der obligatorischen Schnitzeljagd. Doch statt kleiner Kinder stöbern erwachsene Schatzsucher umher. Und die Stoff-Fetzen, die ursprünglich als Hinweise dienten, sind teilweise komplexen Rätseln gewichen. Wenn dann letztlich der Begriff Geocaching kein Aha-Erlebnis auslöst, können Sie sicher sein: Sie sind ein Geomuggel!

So werden in Anlehnung an die Harry-Potter-Buchreihe jene genannt, die die neue Freizeitgestaltung in Wald und Flur nicht kennen. Dabei liegen allein laut Geocaching.com weltweit mehr als eine Million der kleinen Schatzkisten versteckt. Registriert ist jede einzelne davon im Internet, denn obgleich die Schatzsuche anmutet wie ein Kinderspiel, werden moderne Ortungstechnik und Web-Kommunikation eingesetzt. So wundert es kaum, dass der Begriff Geocaching, der sich aus »geo« (griech. für Erde) und »cache« (engl. für Geheimversteck) zusammensetzt, zum ersten Mal im Mai 2000 in einer Newsgroup erwähnt wurde.
Heute sind die Geocacher in diversen Internet-Foren zu finden, denn dort beginnt üblicherweise die Schatzsuche: Eine gut vernetzte Gemeinde, die ihre Erlebnisse und Meinungen online austauscht. Die Frage, inwiefern sich durch den Freizeittrend ein neuer Markt erschließt, blieb jedoch weitestgehend offen.

So funktioniert's
Auf Portalen wie Geocaching.com lässt sich mithilfe der Postleitzahl eine Region eingrenzen, in der man suchen möchte. Für jeden Cache, also jeden Schatz, gibt es Koordinaten, die angeben, wo genau er versteckt wurde. Mittels GPS-Empfänger geht es dann vom Schreibtisch in die Natur. Je nach Schwierigkeitsgrad ist der Cache direkt an der angegebenen Stelle, etwa in einem Loch, im Baum oder eine Felsspalte, versteckt. Die Profis nennen das einen »Traditional Cache«. Trotz der vermeintlich einfacheren Suche, kann der Fund je nach Tarnung und Versteck längere Zeit in Anspruch nehmen. Eine größere Herausforderung stellen hingegen sogenannte »Mystery-« oder »Multi-Caches« dar, die den Schatzsucher in mehreren Schritten oder erst nach Lösung eines Rätsels zum Ziel führen. Der Geocacher wird von seinen Genossen immer wieder vor Herausforderungen und auf die Probe gestellt. Große Reichtümer sind in den Schatzkisten jedoch nicht zu erwarten. Neben dem obligatorischen Logbuch, in das sich jeder Finder der Dose, Box oder Kiste einträgt, liegen in den meisten Caches kleine Geschenke. Oft ist es nur Kram. Der glückliche Finder tauscht diesen dann gegen einen anderen Gegenstand aus. Das sogenannte »Trading« ist fester Bestandteil der meisten Schatzjagden. Natürlich gelten die Devisen jedes Tauschhandels auch beim Geocaching: Wer nur minderwertige Gegenstände zurücklässt, ist in der Gemeinde schnell verpönt. Unter Geocachern gilt der Grundsatz »trade up, trade equal or don't trade«. Wichtiger als die Schätze sind jedoch ohnehin die Eintragung im Logbuch und vielleicht ein Beweisfoto fürs Netz, bevor der Cache wieder an den ursprünglichen Platz gelegt wird.

geocaching.com
Auf geocaching.com wird in einem Video erklärt, wie Geoaching funktioniert

Die Verstecke sind meistens gut getarnt, nicht zuletzt, weil Passanten die Kästchen immer wieder als Müll oder gar als explosive Bedrohung ansehen. Deshalb enthält die Mehrheit der begehrten Dosen auch eine Gebrauchsanleitung oder trägt schon auf der Außenseite eine Kennzeichnung, die den »Owner«, d. h. den ersten Besitzer des Caches identifiziert. Der glückliche Finder kehrt indes aus der Natur an den Schreibtisch zurück und meldet seinen Fund im zugehörigen Thread des Geocaching-Forums.   

Die genaue Anzahl der versteckten Caches lässt sich nur schwer abschätzen, da es im Web mehrere Portale gibt, die natürlich teilweise Duplikate enthalten und unter anderem nur auf die Länderebene beschränkt sind. Andere wählen die angebotenen Caches nach deren Qualität aus. Die eingehenden Schatzverstecke werden von den Forenbetreibern geprüft.

Webportale
Die Community ist sehr kritisch mit ihren Portalen. Kommerzialisierungsversuche des Monopolisten Geocaching.com wurden von der Gemeinschaft dadurch »honoriert«, dass sie mehrfach freie Foren bildeten, die sich explizit von Geocaching.com abgrenzen. Der Marktführer hatte in der Vergangenheit beispielsweise Premium-Mitgliedschaften oder den Zugang zu besonders wertvollen Caches nur gegen Bezahlung angeboten. Mit Navicache.com (Start 2001) sowie Terracache.com (Start 2004) machte die Community ihrem Ärger über die Kommerzialisierung ihres Hobbies bereits früh Luft. Heute gilt das deutsche Portal Opencaching.de als zweitgrößtes Forum dieser Art.

Equipment
Geocacher, so die einhellige Meinung der Community, kommen aus jeder Altersstufe und verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Besonders Familien mit Kindern berichten in den Foren angeregt über Suche, Fund und Geschenke-Austausch. Geocaching ist bei aller Freiheit jedoch keineswegs kostenlos. Schon für einen Traditional Cache wird ein GPS-Gerät zur Ortung per Satellit, zumindest aber eine detaillierte Landkarte mit Koordinaten benötigt.

Um die tragbaren Geräte hat sich inzwischen ein eigener Markt gebildet, der von der Gemeinschaft der Geocacher beobachtet und kritisch bewertet wird. Natürlich gibt es bekannte Marken, die einen guten Ruf genießen, doch besonders Smartphones wie das iPhone stellen eine viel diskutierte Konkurrenz dar. Wichtig sind neben Akkulaufzeit auch die Reichweite der GPS-Übertragung oder die Koordination mehrerer Standpunkte für das Auffinden von Multi-Caches. Auch Stoßfestigkeit oder Resistenz gegen Wasser sind gefragte Eigenschaften. Zusätzlich zu dieser Mindestausrüstung kann das Caching-Equipment nahezu grenzenlos nach oben erweitert werden, auch was den Preis betrifft. Meistens geben die Owner an, welche Ausrüstung mitzubringen ist, um den von ihnen versteckten Cache zu bergen. Taschenlampen oder Spiegel zur Lösung von Rätseln sind keine Seltenheit.
Die höchsten Anforderungen an Material und Sucher stellen die HC-Caches (Hardcore Caches) dar. Sie können sich beispielsweise in Seen, Höhlen oder auf Bergspitzen befinden und erfordern neben einem gesunden Maß an Selbsteinschätzung auch Tauch- oder Kletterausrüstung.

Beim Geocaching scheint sich die Liebe zur Natur mit einer Vorliebe für technisches Equipment zu verbinden: In Foren werden alle Arten von elektronischem Spielzeug diskutiert und verglichen. Der Wikipedia-Eintrag zur Hobby-Schatzsuche listet Notebook, PDA und Spezialsoftware als mögliche Standard-Ausrüstung auf.
Trotz der hohen Bindung der Community an einzelne Markenproduzenten für GPS-Systeme wie Garmin oder Magellan, ist das Feld des Geocaching kommerziell wenig erschlossen. Einzelne Versuche, etwa Werbeflyer in Caches zu platzieren, wurden von den Findern nur dann positiv bewertet, wenn das beworbene Produkt ohnehin im Fokus des Interesses lag. Weniger begeistert zeigt sich die Gemeinschaft im Internet hingegen über Versuche, Geocaching touristisch zu erschließen, sofern diese Versuche kostenpflichtig angeboten werden. Auch der Versuch der FDP-Fraktion in Dortmund, zu Wahlzwecken Werbematerial in Schätzen zu verstauen, stieß in der Community auf große Ablehnung.

Was gefällt den Geocachern?
Gerade die Möglichkeit, selbst Gegenstände in den Schatzdosen zu platzieren, könnte für Unternehmen sehr lohnend erscheinen. Werbung oder Öffentlichkeit stoßen jedoch meist auf direkte Ablehnung. Die Community zeigt sich zwar offen für Neulinge, die sich an den Schatzjagden beteiligen wollen, die breite Masse hingegen wird eher ausgesperrt. Dabei geht es nicht nur um die für das Geocaching essentielle Heimlichkeit. Verständlicherweise erregen Wanderer abseits der Pfade Aufmerksamkeit. In Zeiten der allgegenwärtigen Terrorbedrohung in Medien können unauffällig platzierte Dosen gerade im Stadtgebiet für öffentliches Ärgernis sorgen. Hinzu kommt, dass derartige Hobbies nicht zum Mainstream gehören und von den Medien gerne in die Sparte »Kurioses« eingeordnet werden. So fühlen sich Geocacher oft nicht verstanden. »Zu viele unwissende Anfänger, zu viel Presse«, so die Ressentiments in den Foren.

Für Marketingpläne im Bereich des Geocaching ist diese Ablehnung eine sehr wichtige Erkenntnis. Wenn Werbematerial nicht auf aufmerksames Interesse, sondern auf Antihaltungen trifft, kann das für das werbende Unternehmen ein herber Rückschlag werden. Dadurch, dass die Community untereinander vernetzt ist, stehen ihr alle Möglichkeiten des Webs zur Streuung von Nachrichten zur Verfügung. Ohnehin ist die Gemeinde der Geocacher im Verhältnis zu anderen Freizeitaktivitäten, wie beispielsweise Gaming oder Klettern, klein. Die Marketingmöglichkeiten sind dadurch begrenzt. Erfolgreiches Marketing im Geocaching wird es daher in nächster Zeit nicht geben. Die Geocacher selbst stört das freilich wenig.


(de)

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