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Social Media ist nicht »Soziale Medien«

Eine Aufklärung für Digital Immigrants

von William Sen | 03.01.2011


Der Deutsche fragt den Amerikaner nach einem Beamer. Der Amerikaner kennt den Begriff nur aus Star Trek, denn im Englischen heißt er »Projector«. Unter »Public Viewing« versteht der Amerikaner eine Beerdigung, in der der Leichnam im Sarg aufgebahrt wird. Der Deutsche dagegen denkt an eine Liveübertragung bei öffentlichen Veranstaltungen. Doch was hat es mit dem Begriff »Soziale Medien« auf sich? Wer ihn zum ersten Mal hört, denkt womöglich an Hartz IV. Nicht verwunderlich. Die Deutschen haben den Begriff einfach falsch übersetzt.

Einflussreiche Printmedien verstehen es immer wieder, neue Begriffe einzuführen. Dabei stehen nicht Sinn und Logik im Vordergrund. Ziel ist es, die Sympathie der Bevölkerung zu gewinnen, indem man bestimmte Trends unauffällig als Begriffe in die deutsche Sprache integriert. So tauchte die Feminisierung des Plurals (z. B. »StudentInnen«) just zu einem Zeitpunkt auf, in dem der Feminismus als Trend erkannt worden war. Dass die grammatische Korrektheit hinter dem Verkaufsargument steht, bewies längst auch die Werbeindustrie. Seit der Krise geht es mehr als je zuvor auch in der Zeitungsbranche um den reinen Verkauf: Wenn es dem Leser gefällt, ist das Ziel erreicht. Absatzzahlen sind das »unkaputtbare« Argument.Wer sich unter Insidern als Experte für »Soziale Medien« ausgibt, kann bei Insidern der Branche aber schnell auf Hohn stoßen.

Frühzeitig erkannten vor allem größere Zeitungen, dass durch die Globalisierung immer mehr Anglizismen die deutsche Sprache beeinflussen. Ausgerechnet analoge Medien nehmen es sich mittlerweile auch heraus, Begriffe des digitalen Zeitalters mit eigenen Interpretationen neu zu etablieren. So war es schließlich die Zeitung Handelsblatt, die 2006 erstmals den Begriff Social Media frei zu »Soziale Medien« übersetzte. Seither taucht die Übersetzung immer öfter auf.

Social Media scheint ein sehr junges Thema zu sein, zumindest für die, die es erst durch ein Papierprodukt kennenlernen mussten. Während die sogenannten »Digital Natives« sich längst in Social Media tummeln und quasi in das Medium hineingeboren worden sind, müssen die Nachzügler erst in analogen Medien davon erfahren. Vom amerikanischen Forscher Marc Prensky werden sie als »Digital Immigrants« bezeichnet - Menschen, die nicht mit dem Medium Internet aufgewachsen sind, und den Wissensvorsprung der »Natives« erst nach und nach aufholen müssen. Ihre Informationsquelle ist nicht das Web, sondern meist die Printmedien. Und genau hierin liegt das Paradoxon. Dem theoretischen Wissen aus Zeitungen stehen Erfahrungswerte aus dem Web gegenüber. Wie gut kann Social Media in Worten ausgedrückt werden? Wie kann man einem Internet-Anfänger überhaupt noch erklären, was Social Bookmarks sind, wenn er den Begriff »Browser« nicht kennt? Und wird die Sache einfacher, wenn wir Browser in »Abgraser« übersetzen?

Ein ähnliches Phänomen widerfuhr dem Begriff »Social Media«. »Sozial« wird im Deutsch-Englisch-Wörterbuch mit »care« (zu deutsch: Fürsorge) übersetzt. Der Begriff »sozial« lässt sich im deutschen mit einem wohltätigen, der Gesellschaft und Kultur angepassten Umgang mit den Mitmenschen beschreiben. Mit dem Term verbindet der Deutsche »Gemeinwohl«, »Sozialhilfe« und »Wohlergehen«. Des Weiteren wurde in den letzten Jahren in keiner anderen Gesellschaft als in der deutschen der Begriff »sozial« in solch hohem Maße Teil politischer Debatten. Seit 2004 finden laut Google Trends die Berichterstattung über den Begriff »Sozialhilfe« und jene über den Begriff »sozial« parallel statt. Die beiden Begriffe stehen somit in sehr engem Zusammenhang zueinander.

Die Eingabe des Begriffs in OpenThesaurus ordnet den Begriff unter anderem in »Sozialismus« ein und verlinkt weiterhin auf Lexikon-Einträge für »Armut« und »Taktgefühl«. Unter sozialen Medien könnte man im Grunde mediale Angebote der Arbeitsagentur oder karitativer Organisationen verstehen, die Benachteiligten helfen sollen, Zugang zu Medien zu erhalten, die sonst kostenpflichtig und somit unzugänglich wären. Kostenloser Zugang zu Computern, Internet oder Software, die aus Spenden oder Fördermaßnahmen für benachteiligte soziale Schichten zur Verfügung gestellt werden, würden die Definition von »sozialen Medien« am ehesten treffen. Social Media dagegen hat nichts mit »sozial« zu tun. Im Englischen versteht man unter dem Begriff »social« die Gesellschaft an sich. Wer »social« ist, ist gesellschaftlich, nicht jedoch fürsorglich oder sozialistisch.

Die korrekte Übersetzung von Social Media wäre somit »Gesellschaftliche Medien«. Wer dagegen von »Sozialen Medien« und »Sozialen Netzwerken« spricht und Social Media und Social Networks meint, hat sich das Wissen über das Phänomen womöglich in den Printmedien angelesen. Peinlich muss das jedoch nicht sein, wenn man etwas anderes meint, als man sagt. Die Social-Media-Nutzer sind immerhin bekannt für ihre Offenheit und Toleranz, auch gegenüber Digital Immigrants. Vielleicht sogar auch fürsorglich, so dass sie auf bestimmte Art und Weise tatsächlich auch »sozial« sind?


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#6 William Sen 2011-06-28 20:25

zitiere Ami:

"Beamer" verstehe ich nur als ein Auto von BMW :o Sicherlich meinen Sie "Transporter"

Star Trek in der Originalversion - dort heißt es "to beam". Der berühmte Satz "Beam me up, Scotty" kommt aus Star Trek. In der englischen Wikipedia heißt es in der Beschreibung des Transporters: "Transporters convert a person or object into an energy pattern (a process called dematerializati on), then "beam" it to a target (...)" (en.wikipedia.org/wiki/Transporter_(St ar_Trek)). Oft wird der Special Effekt auch als der Beaming Effect bezeichnet. Daneben gibt es natürlich noch den "Tractor Beam". Oder anders: Probieren Sie es einfach bei einem Amerikaner aus und sagen Sie uns, ob er bei dem Begriff "Beamer" an BMW oder Star Trek denkt :)

#5 Ami 2011-10-22 04:53

"Beamer" verstehe ich nur als ein Auto von BMW :o Sicherlich meinen Sie "Transporter"

#4 Andres 2011-06-28 20:25

zitiere Stefan:

> Das weiß man allerdings nur, wenn man als "Digital Immigrant" schon mal in ein Buch an der Universität geguckt hat 8).

Oha Stefan. Damit wirfst Du dem Autor vor, er hätte in seinem Leben noch nie ein Buch von einer Hochschule in die Hand genommen. Das ist jetzt etwas unfair und nicht gerade sehr gentlemanlike.

Aber wenn jemand "soziale Medien" sagt, weiß ich tatsächlich immer, dass es sich hier um einen Anfänger handelt. Da musste ich kurz Schmunzeln, als ich den Artikel hier las. Als ich den deutschen Begriff "soziale Medien" zum ersten mal hörte, wusste ich erst nicht, was damit gemeint ist. Die ersten, die mit Facebook & Co. angefangen haben, kennen nur den Begriff Social Media. Und das sind oft computer-affinierte.

Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, dass die Deutschen komischerweise alles anders nennen - kenne ich übrigens auch nur aus Deutschland. Ich bin oft in Spanien, habe noch nie gehört, dass jemand "Medio social" dazu gesagt hätte.

#3 Stefan 2011-06-27 21:27

Da möchte ich widersprechen: Das Wort "sozial" wird auch im Deutschen (nicht nur) wissenschaftlich im Sinne von "gesellschaftlich" verwendet. Beispiele: das soziale Umfeld, das soziale Netzwerk, das Sozialleben. Es geht bei diesen Begriffen um zwischenmenschlich-gesellschaftliche Strukturen und nicht um Wohltätigkeit. Das weiß man allerdings nur, wenn man als "Digital Immigrant" schon mal in ein Buch an der Universität geguckt hat 8). Meiner Meinung nach spricht nichts dagegen, das Phänomen Facebook & Co. wissenschaftlic h als "Soziale Medien" zu klassifizieren.

#2 Doro 2011-03-23 12:17

zitiere Janin:

> Wir haben bei der Caritas Seniorennetzwerke. Die werden bei uns immer soziale Netzwerke genannt. :)

:D
Danke für den Text. Ich habe "Soziale Medien" neulich mehrmals in einem Beitrag von DRadio Wissen gehört und jedesmal wieder dachte ich mir, wie falsch der eigentlich klingt. Trotzdem ist auch "Gesellschaftlic he Medien" keine besonders schöne Übersetzung - gibt es nicht noch eine andere, passendere?

#1 Janin 2011-02-17 11:37

Wir haben bei der Caritas Seniorennetzwerke. Die werden bei uns immer soziale Netzwerke genannt.:)

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Auszug aus dem Heft Nr. 2011-01

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