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Start Heft Nr. 03-2010 Location Based Services

Location Based Services

Eat local, surf global

gowalla

Startseite von Gowalla

Geocoding und Geotagging heißen die neuen Spielzeuge der Generation Web 2.0. Durch sie wird die Kommunikation der Menschen noch schneller und transparenter. Datenschützer schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, doch die Werbeindustrie sieht einen lang gehegten Traum in Erfüllung gehen.

Es ist noch gar nicht lange her, da waren Social Networks der neuste Hype. Facebook, studiVZ und Co. galten als Zukunft des Webs und Paradebeispiel des Web 2.0. Und auch wenn zumindest Facebook weiterhin rasant wächst - die Innovationen gehen mittlerweile von anderen aus und sie werden die aktuellen Social Networks, wenn nicht sogar die gesamte Kommunikation im Internet, grundlegend ändern. Geosocial Networks heißen die neuen Netzwerke, auf denen nicht zuletzt die Hoffnungen der jüngst arg gebeutelten Werbebranche ruhen.

In Geosocial Networks pflegen die Nutzer nicht nur ihre Profile, sondern geben über ihr Smartphone auch an, wo sie sich gerade befinden. Zusätzlich können sie Meinungen oder zusätzliche Informationen hinterlassen, wie zum Beispiel zu einer Kneipe oder einem Museum. So sind ihre Freunde (und je nach Einstellung auch alle anderen Nutzer des Netzwerks) stets darüber informiert, wo sie sich in diesem Moment aufhalten, wie die Stimmung dort ist und was sie dort überhaupt tun.

Die Möglichkeiten sind vielfältig. Die Nutzer können beliebig Orte empfehlen und Treffen verabreden. So kann man zum Beispiel mit Hilfe des Netzwerks das nächste Konzert, Restaurant oder den angesagtesten Club in der Nähe finden.

Durch dieses sogenannte Geocoding und Geotagging könnte das mobile Internet, dem schon seit Jahren  der Durchbruch vorhergesagt wird, endgültig zum Mainstream werden. Diese Dienste sind bislang vor allem Smartphones vorbehalten. Seit der Einführung des iPhones sind die Grenzen zwischen Handy und Smartphone aber mittlerweile verwischt. Immer mehr mobile Geräte erfüllen inzwischen die Voraussetzungen für das Geocoding. Bald wird wohl kaum ein neues Handy auf den Markt gebracht, dass die Nutzung solcher Location Based Services (LBS) nicht unterstützt. Dabei sind diese zugegebenermaßen nicht völlig neu, denn bereits eine Paketverfolgung im Internet ist im Grunde schon als LBS zu betrachten. Die Verknüpfung mit den Features der sozialen Netzwerke bietet aber völlig neue Möglichkeiten: »Wo ist der nächste Geldautomat?«, »wo in meiner Nähe ist eine gute Pizzeria?« und »wo sind meine Freunde?«. Fragen wie diese können in Geosocial Networks nun in Sekunden beantwortet werden.

Es gibt zahlreiche Geosocial Networks im Internet. Gowalla und Foursquare gehören hierbei zu den Bekanntesten. Die grundlegende Idee ist dabei die gleiche: Die Nutzer können an Orten, an denen sie sich befinden, über ihr Handy »einchecken«. Diese Check-ins haben sich als allgemein übliche Art etabliert, im mobilen Netz seinen aktuellen Standort zu veröffentlichen. Zusätzlich zum Geosocial Network können diese Check-In-Nachrichten automatisch auch in »klassischen« sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook veröffentlicht werden.
Damit den Usern nicht langweilig wird und sie nicht aufhören, beständig überall einzuchecken, gibt es spezielle Anreize wie virtuelle Punkte, Trophäen, Medaillen oder Ehrentitel (zum Beispiel »Mayor«). Das macht solche Dienste zu einer Art Spiel, welches irgendwo zwischen Facebook und Schnitzeljagd eingeordnet werden kann. Je mehr Plätze man besucht und je mehr Punkte man sammelt, desto höher steigt man im Ranking.

Daneben gibt es je nach Anbieter weitere Funktionen. Nutzer können zum Beispiel eigene Fotos hochladen und mit bestimmten Orten verknüpfen oder virtuelle Gegenstände an Orten erhalten und ablegen. Sie können sich gegenseitig Nachrichten schreiben, Tipps austauschen, die Check-ins anderer User kommentieren oder sogenannte »Trips«, bestehend aus verschiedenen, thematisch zusammenpassenden Orten, zusammenstellen und veröffentlichen.

Dabei steht die Interaktion auf Basis des aktuellen Standorts immer im Vordergrund. Wenn man an einem Ort eincheckt, an dem ein Freund bereits einen Tipp hinterlassen hat, poppt ein Fenster auf und teilt dem Nutzer sinngemäß mit: »Da du gerade in der Nähe bist: Robert meint, du solltest den Cappuccino ausprobieren.« Und vielleicht ist Robert ja sogar gerade auch da. Indem man sehen kann, wo Freunde gerade eingecheckt haben, kann man sich, wenn man möchte, kurzentschlossen auch einfach treffen.

Foursquare erreichte in einem Jahr 1.000.000 User. Twitter dagegen benötigte zwei Jahre, um auf diese Menge an Usern zu kommen.

Auch im Urlaub bieten sich viele Vorteile. So kann sich ein Reisender einloggen und prompt erkennt das Netzwerk automatisch seinen Standort und zeigt alle interessanten Plätze oder empfehlenswerten Restaurants in der näheren Umgebung an. In einer völlig fremden Stadt scheint man sich auf diese Weise plötzlich auszukennen. Jungen Rucksacktouristen kann zum Beispiel die Suche nach einem Schlafplatz enorm erleichtert werden. Ob in Köln (Ibo M: »Gästezimmer in Köln, Geheimtipp!«) oder Kapstadt (Jason V: »Best Hostel in Town«) - das Netzwerk weiß so gut wie immer Rat. Für Unternehmen werden durch diese Verknüpfung von Standortdaten mit Nutzerdaten Online-Bewertungen noch wichtiger, als sie es bereits jetzt schon sind. Gerade kleinere Läden oder Restaurants könnten dadurch profitieren oder, je nach Bewertung, an sinkenden Besucherzahlen leiden.

Von den Möglichkeiten der Geosocial Networks machen schon jetzt viele Nutzer Gebrauch. So nutzen derzeit ca. 250.000 Menschen Gowalla, Foursquare sogar gut 1.000.000 – bei ungefähr 600.000 Check-ins pro Tag. Bemerkenswert ist, dass Foursquare diese Nutzerzahl in kaum mehr als einem Jahr erreichte - Twitter dagegen benötigte zwei Jahre, um auf diese Masse an Usern zu kommen.

foursquare

Die Oberfläche von Foursquare erinnert stark an Twitter

Unternehmensaktivitäten
Hierbei bieten sich auch vielfältige Möglichkeiten für Unternehmen. Diese können Coupons oder Sonderangebote auf der Basis des Standorts des Nutzers versenden oder äußerst zielgerichtete Werbung schalten. Für viele gelten die Location Based Services sogar als Zauberformel, um im Internet Geld zu verdienen. Unternehmen können virtuelle Gutscheine an bestimmten Orten hinterlegen, die die Nutzer einsammeln und im »echten« Leben einlösen. So könnte ein Nutzer in einem Fast-Food-Laden einchecken und einen Gutschein für ein Getränk erhalten. Restaurants könnten ein Gratis-Essen für treue Kunden vergeben - zum Beispiel den aktuellen »Mayor« (also für denjenigen, der am häufigsten dort eingecheckt hat). Zudem könnten Unternehmen mit Geosocial Networks kooperieren und individuelle Medaillen oder Trophäen als eine Art von spezieller Online-Werbung anbieten.

Natürlich wollen die etablierten Platzhirsche den Newcomern dieses Feld nicht kampflos überlassen. Twitter integrierte bereits eigene LBS-Features und bald wird sicherlich auch Facebook hinzukommen. Alleine Facebook hätte dann fast eine halbe Milliarde potenzielle Nutzer. Wenn davon zunächst einmal nur 1 Prozent regelmäßig seinen Standort eingibt und diesen mit Empfehlungen oder ähnlichem verknüpft, kann den Location Based Services endgültig der absolute Durchbruch gelingen.

Wird die Welt und der Nutzer transparenter?
In jedem Fall aber wird unsere Kommunikation dadurch noch schneller und zielgerichteter. Anstatt zum Beispiel einen Gutschein per Post oder Email zu versenden und zu hoffen, dass der Empfänger gezielt zum Laden geht oder sich beim zufälligen Vorbeigehen daran erinnert, versorgt man ihn mit Informationen und einem Kaufanreiz genau dann, wenn er am Laden vorbeikommt und in der Lage ist, ihn sofort zu betreten.
Dadurch verschwinden die Grenzen zwischen »online« und »offline«. Früher war man online, wenn man an einem Computer saß. Dies blieb man so lange, bis man sich das nächste Mal am Computer sitzend wieder ins Internet einwählte. Diese Zeiten scheinen jedoch langsam der Vergangenheit anzugehören. Ob Emails in der Straßenbahn abrufen, in der Vorlesung twittern oder Facebook während Meetings nutzen - ein wirkliches »offline« gibt es nicht mehr. Location Based Services treiben dieses Leben noch einen Schritt weiter. Bald sind selbst die Orte der realen Welt nicht mehr offline. So werden Online-Bewertungen oder Nutzer-Fotos eines Restaurants an bestimmte Orte gekoppelt und schwirren in der realen Welt um sie herum. Unsichtbar für viele Passanten, aber prinzipiell abrufbar für jeden, der mit seinem Gerät daran vorbeigeht: Virtuelle Graffitis.
Für Einige mag dies beängstigend klingen. Es ist aber Ausdruck eines Generationenunterschieds, der nicht mehr übersehen werden kann. Datenschutz gilt den meisten jungen Internetnutzern als »old school«. Millionen Jugendliche teilen über Facebook und Twitter ihr Leben mit Freunden, Bekannten und Unbekannten. Manche geben sogar freiwillig permanent ihren Standort an, indem sie stets einen GPS-Empfänger mit sich tragen, die Daten live ins Internet übertragen und zum Beispiel auf einer Karte anzeigen. Bei Gowalla und Foursquare kann man zumindest noch gezielt auswählen, wann man wo »eincheckt«.
Die Werbeindustrie sieht dadurch einen lang gehegten Traum in Erfüllung gehen: Werbung erreicht den Kunden genau am richtigen Ort. Die üblichen Streuverluste könnten dadurch drastisch gesenkt werden. Werden Standortinformationen dann noch mit Profildaten verknüpft, wie es zum Beispiel bei Facebook geschehen könnte, ergeben sich weitere, weitreichende Möglichkeiten. So könnten dem Nutzer nicht nur Angebote gemacht werden, die zu seinem Standort passen, sondern auch zu seinen Vorlieben. Die perfekt individualisierte Werbung würde Realität.

(jk)

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  • :-) hat mir sehr gut gefallen. Als Diplombiologin ...
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